wb01343_x.gif - 0,93 K Information zum Film "Andrej Rubljow" von Andrej Tarkowskij
(Workshop Kunst und Selbsterfahrung)

"Du gießt Glocken,
ich male Ikonen.
Was für ein Festtag für die Menschen."

UdSSR 1964-69
35 mm, Farbe und s/w
185 Min.

Regie: Andrej Tarkowskij
Drehbuch: Andrej Tarkowskij, Andrej Michalkow-Kontschalowskij
Kamera: Wadim Jussow
Darsteller:  Anatoli Solonitsyn, Ivan Lapikov, Nikolai Grinko, Nikolai Sergeyev, Irma Raush, Irina Miroshnichenko


Andrej Tarkowskij
(*1932 in Savrace/Ivanovo, †1986 in Paris)

setzte sich an der Moskauer Filmhochschule mit dem Werk von Luis Buñuel, Ingmar Bergman, Akira Kurosawa, Kenji Mizoguchi, Federico Fellini, Robert Bresson, Michelangelo Antonioni, Charlie Chaplin, Alexander Dowshenko und Otar Iosseliani auseinander. Sein Film "Iwans Kindheit" (1962) mit der expressiven Schilderung der Kriegserlebnisse eines Zwölfjährigen gerät zur Sensation und erhält in Venedig einen Goldenen Löwen. 1964 beginnen die Dreharbeiten zu "Andrej Rubljow", die sich bis Ende 1965 hinziehen. Die heftige Kritik staatlicher Stellen an der Lebensgeschichte des russischen Ikonenmalers zwingt Tarkowskij zur Überarbeitung (er kürzte den Film von 220 Min. zunächst auf 194, später auf 185 Min.), ohne sich den inhaltlichen und ästhetischen Vorwürfen zu beugen. Die Folge ist ein jahrelanger, zermürbender Kampf mit den Behörden; gegen deren Willen läuft "Andrej Rubljow" 1969 schließlich in einer Nebenreihe in Cannes (1971 kommt er in die sowjetischen Kinos; 1973 wird er für den Export freigegeben). Nach "Solaris" (1972), "Der Spiegel", seinem formal komplexesten und am stärksten autobiografischen Film (1975), "Stalker" (1978-1979), der in Deutschland eine fast kultische Tarkowskij-Rezeption begründet, und "Vorsicht, Schlangen!" (Buch, 1979) bittet er in Italien um politisches Exil. Obwohl Tarkowskij nun in seiner Kreativität nicht mehr gegängelt wird und seine Filme auf hohe Resonanz stoßen, fühlt er sich in der Emigration nie wohl. Sein ruheloses Wanderleben durch die europäischen Metropolen (Paris, London, Berlin) gleicht auf erschreckende Weise der Unrast seiner Hauptfigur aus "Nostalghia" (1982), die unter starkem Heimweh leidet und vor ihrer Rückkehr nach Rußland stirbt. Als die Dreharbeiten zu "Opfer" (1985-1986) beginnen, ist Tarkowskij bereits an tödlichem Lungenkrebs erkrankt. 1985 veröffentlicht er die Aufsatzsammlung "Die versiegelte Zeit", in der er seine Gedanken zur Ästhetik und Poetik des Films niederlegt.

In der Sowjetunion erfährt sein Werk unter Gorbatschow eine neue Würdigung, die zahlreiche Schüler und Epigonen auf den Plan ruft. Doch ist Tarkowskij ein ebenso genialer wie einsamer Solitär, dessen künstlerisches Schaffen aus dem quälenden Ringen mit seinen inneren Widersprüchen erwächst. Unter dem Einfluss der deutschen Romantik und ihrer russischen Renaissance um die Jahrhundertwende verfolgt er ein kompromissloses, radikales Kunstideal, das in der Kinematografie einen Weg sieht, den Zuschauer mit existentiellen Fragen in Berührung zu bringen. Seine Filme gleichen deshalb nur an der Oberfläche traditionellen Kinoerzählungen. Ihre unverwechselbare Bildersprache mit stark assoziativ-kontemplativen Momenten versucht vielmehr eine dichte, poetisch-emotionale Atmosphäre zu schaffen, die ähnlich wie die orthodoxen Ikonen eine Art "Fenster" zum Absoluten aufstoßen soll. In der seelischen, nicht diskursiven Kommunikation mit Kunstwerken, so Tarkowskijs Überzeugung, lasse sich an Regionen rühren, die im Zuge der naturwissenschaftlich-technischen Entwicklung verlorengegangen sind. Obwohl eine solche "spirituelle" Ästhetik in manchen Kreisen der Filmkritik als vormodern abgetan und Tarkowskij zum "Metaphysiker" abgestempelt wurde, zählen seine enigmatisch-rätselhaften Filme zu den unwidersprochenen Meisterwerken der Filmgeschichte.
 

Andrej Rubljow

war einer der berühmtesten Ikonenmaler Russlands. Seine Lebensdaten sind nicht genau verbürgt: Er wurde zwischen 1360 und 1370 geboren und starb 1427 oder 1430 als Mönch im Andronow-Kloster. Seine Miniaturen, seine Wandgemälde und vor allem seine Ikonen begründeten die Moskauer Malschule. Die Kunstgeschichtsschreibung hat der Malerei Rubljows eine bahnbrechende Wirkung an der Schwelle zwischen Spätbyzantinismus und osteuropäischer Renaissance bescheinigt. Eines seiner berühmtesten Werke ist die Ikone der "Dreifaltigkeit".
 

Der Film

Andrej Tarkowskijs zweiter Spielfilm gilt als Meilenstein der Filmgeschichte: Das vielschichtige und emotional packende Werk, vermittelt ein Bild des mittelalterlichen Russland ohne falsche Sentimentalität und ohne KPdSU-Brille — ein bildgewaltiges, erschütterndes Epos. Es ist eine Auseinandersetzung mit der schwierigen Situation des Künstlers und Intellektuellen in Politik und Gesellschaft. Diese Position erscheint als prekär und jederzeit bedroht. Der Künstler ist eingespannt in ein Netz von Abhängigkeiten. Von seiner Kunst wird ideologische Verwertbarkeit im Sinne der Herrschenden verlangt. Mit dem "Jüngsten Gericht" sollen die Gläubigen in Furcht und Schrecken gehalten werden. Rubljows Auftraggeber für die Malereien im Dreifaltigkeitskloster schätzt sein Talent nur, weil es seine Macht stärkt und rühmt.

In einem Prolog und acht datierten Novellen beleuchtet Tarkowskij den alltäglichen Kampf in den Wanderjahren des an humanistisch-aufklärerischen Ideen orientierten legendären Ikonenmalers Andrej Rubljow.

Der Prolog zeigt einen Bauern, der sich ein primitives Fluggerät gebaut hat und damit abstürzt — in einer blitzartigen Metapher traumhafter Intensität wird wird das Streben des Menschen nach Emanzipation, seine Hoffnung und sein Scheitern resümiert. In den folgenden Episoden sehen wir Rubljow, eher Zeuge als Akteur des Geschehens, auf seiner Wanderschaft durch die Zeit. In zum Teil surrealen Bildern, die an den Maler Pieter Bruegel d. Ä. erinnern, zeigt uns Tarkowskij unter anderem die Weite der verschneiten russischen Landschaft, Fürstenkämpfe und Tatarenüberfälle und Rubljows Zweifel am Menschengeschlecht. Sein Werdegang ist gekennzeichnet von Phasen des Zögerns, des Infragestellens, der Selbstzerfleischung und des Kampfes zwischen Glauben und Zweifel. Rubljow wird Zeuge der menschenverachtenden Macht- und Kriegspolitik seiner eigenen Auftraggeber aus der herrschenden Schicht. Verantwortungsbewußtsein und Schuldgefühle stürzen ihn in eine schöpferische Krise, sind zugleich aber die Triebfeder für die jahrelange Auseinandersetzung mit der problematischen Position des Künstlers in Politik und Gesellschaft. Er lädt Schuld auf sich, als er zur Errettung einer "Verrückten" einen Tataren tötet und daraufhin ein Schweigegelübde ablegt. Erst als Rubljow den jungen, unerfahrenen Glockengießer Borischka kennenlernt, dessen Glaube und Wille Berge versetzt und der mit großer Energie eine riesige Kirchenglocke herzustellen versucht, bricht er nach Jahren sein Schweigegelübde, findet neue Freude an der Kreativität und beginnt wieder zu malen.
 

Aus der Kritik

"Zweifellos läßt sich dieses gewaltige Filmwerk nur mit wenigen der Filmgeschichte vergleichen." (Filmhaus Stöbergasse)

"Atemberaubend schöne Bilder, spektakuläre Kameraführung und monumentale Kulissen machen den Film zu einem faszinierenden Erlebnis." (Blickpunkt Film)

"Der facettenreiche Film, dessen Bilder zugleich von realistischer Schärfe und poetischer Vielschichtigkeit sind, verweigert sich einer voreiligen Ideologisierung, meditiert vielmehr differenziert über die Zusammenhänge von Kreativität und Spiritualität - was dem Regisseur das Missfallen der sowjetischen Behörden einhandelte, die den Film als 'künstlerisch unausgereift' bis Ende 1973 zurückhielten." (Filmpodium im Studio 4)

"Niemand kann mehr als Tarkowskij den Titel des bedeutendsten Filmpoeten unserer Zeit beanspruchen." (Büchners Enzyklopädie des Films)


Andrej Tarkowskij über seinen Film

"Nach Fertigstellung des Drehbuchs hatte ich starke Zweifel daran gehegt, ob es mir tatsächlich bestimmt sein würde, meine Idee zu verwirklichen. Aber eines stand für mich fest: Falls mir diese Möglichkeit gegeben wurde, durfte der künftige Film keinesfalls im Stile eines historischen oder biographischen Genrefilms realisiert werden. Mich interessierte etwas ganz anderes - das Wesen des poetischen Talents dieses großen russischen Malers. Am Beispiel von Rubljow wollte ich die Psychologie des schöpferischen Tuns verfolgen und zugleich die seelische Verfassung und die gesellschaftlichen Emotionen eines Künstlers erforschen, der ethische Werte von so ungeheurer Bedeutung schuf.

Dieser Film sollte davon erzählen, wie in einer Epoche des Brudermordes und des Tatarenjochs eine nationale Sehnsucht nach Brüderlichkeit aufkam, die die geniale 'Dreifaltigkeit' Andrej Rubljows, d.h. das Ideal der Brüderlichkeit, der Liebe und des versöhnenden Glaubens, hervorbrachte. Genau dies bildete die Basis der ideo-ästhetischen Konzeption des Drehbuchs.

Dieses Drehbuch bestand aus einzelnen episodischen Novellen, in denen Rubljow selbst gar nicht immer auftaucht. Doch in solchen Fällen sollte dann die Lebendigkeit seines Geistes, der Atem jener Atmosphäre spürbar werden, die sein Verhältnis zur Welt bestimmte. Verbunden werden diese Novellen nicht etwa durch eine lineare Chronologie, sondern vielmehr durch die poetische Logik, die Rubljow zwang, seine berühmte 'Dreifaltigkeit' zu schaffen. ... Diese Episoden setzen einander fort und geraten untereinander in Konfliktbezüge. Doch in der vom Drehbuch vorgesehenen Abfolge sollten diese Episoden nach den Gesetzen der poetischen Logik aufeinanderstoßen. Gleichsam als eine bildliche Verkörperung der Widersprüche und Verschränkungen von Leben und kreativem Schaffen."

(A. Tarkowskij, Die versiegelte Zeit)

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